3, April, 2025
spot_img

Neueste Beiträge

Die Lesben von Lesbos

Am 21.03.2025 gab der 13. Jahrgang des Abiturs 2025 sein Abschlussstück. Wohlgemerkt waren einige am selben Tag durch die Nacht zur Schule gepilgert – Respekt dafür! Es darf gesagt sein, dass einige Texte wohl leicht improvisiert wurden – überzeugend nichtsdestotrotz.

Ungewöhnlicherweise war dieses Stück das Werk zweier Schüler des Kurses – Samuel Vetter und Anton Swoboda.

Das selbstgeschriebene Stück wurde vom Publikum mit einer offenen Einstellung empfangen – weniger jedoch von Frau Newerla, die den Kurs die letzten zwei Jahre begleitet hatte. Es sei „ambitioniert und ungewöhnlich“. Wie so vieles scheint auch dieser Schaffensprozess ein steiniger Weg gewesen zu sein – gespickt mit „Motivationsschwächen und unerfüllten Aufgaben“. Doch knapp sechs Wochen vor der Aufführung konnte sich der Kurs zum „Durchstarten“ aufraffen. Typisch Schüler, oder? Auch typisch, dass 30 Minuten vor der Aufführung noch eine neue Szene eingefügt wurde. Was ist Theater, wenn nicht improvisiert?

Es ging also mit einem eigens komponierten Stück von Ilian an der Gitarre los. Dies setzte die Szene für zwei Figuren: den Bauern und den Soldaten. Scheinbar herrscht Knappheit auf dem Feld, doch der Bauer hilft dem verfeindeten Soldaten nach einem kurzen Disput missmutig aus.

Jener wird auch auf oberster Ebene vorgestellt: Inmitten von Inflation, Rezession und Geldmangel bekriegen sich zwei Könige verfeindeter Königreiche um Güter und Politik. Doch schließlich kommen sie zu einem Schluss: einem Bündnis. Nun, wie wurden damals Bündnisse geschaffen? Ganz genau – man verband die beiden Königreiche familiär.

So schließt sich der Kreis: Die nächste Szene zeigt drei Frauen. Die Unterhaltung dreht sich um die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft. Es fallen Sätze wie: „Ihr werdet lernen, keine Rolle zu spielen“. Doch eine von ihnen hält eine Art Motivationsrede, und alle  drei überzeugen sich gegenseitig: Sie werden für sich einstehen. Sie werden der Unterdrückung Widerstand leisten.

Inmitten dessen scheint sich ein Liebespaar gebildet zu haben – welches, sehr zur Belustigung des Publikums, von männlichen Schauspielern gespielt wird. Die beiden Frauen bezeugen ihre gegenseitige Liebe in weißen Kleidern mit romantischer Musik, während sie Richtung Sonnenuntergang reiten. Die Pferde erinnern an jene, die man aus dem Hobbyhorsing kennt. Anhaltendes Gelächter brach im Publikum aus.

Doch die Belustigung endet nicht hier: Mit übertriebenen Befehlen und Ansagen wie „Sie sind nicht zum Denken auf der Erde“ seitens der Aristokraten wird das Publikum weiter amüsiert.

Doch nun zurück zum Plot: Als sich die Könige zusammensetzen und jeweils ihre Söhne mit den Töchtern verheiraten wollen, tritt ein Problem auf. Wo bleiben die Bräute?

Diese haben sich entschieden, auf die Insel „Lesbos“ zu fliehen – eine Insel frei von männlichen Individuen, wo sich Menschen mit dieser sexuellen Orientierung frei ausleben können.

Als die Könige von dieser Situation erfahren, sind sie außer sich – und wie sollte es anders sein? Es endet in einem handgreiflichen Kampf zwischen den Königen und ihren Untertanen. Inmitten des Kampfes erscheint das Liebespaar, unberührt von der Auseinandersetzung, unnahbar gegenüber dem Getümmel auf dem Acker. Sie stehen unantastbar in der Mitte der Bühne, während um sie herum die Königreiche zusammenbrechen.

Vollendet wird das Stück mit dem Bauern und dem Soldaten. Letzterer möchte erneut einen Korb Rüben kaufen, doch er findet einen am Boden zerstörten Bauern vor. Dieser beklagt das durch den Kampf der Aristokraten verwüstete Feld. Der Soldat beschließt: Er wird dem Bauern helfen. Die wirklich leidenden sind die Armen, diejenigen, die die Politik nicht mitbestimmen können.

Ein recht simples Theaterstück, welches doch viel verbirgt. Ein progressives Theaterstück. Es spielt in einer Zeit, in der solche Thematiken gesellschaftlich keine Rolle spielten – ein wenig wie in der polnischen Netflix-Serie „1670“.
Heutzutage ist es (bis auf Ausnahmen) gesellschaftlich akzeptiert, homosexuell zu sein, und die LGBTQ+-Community erfährt viel positive Aufmerksamkeit.

Das heißt, wenn das Publikum ebenso progressiv wäre, sollten zwei von männlichen Schülern gespielte Frauen keine Belustigung hervorrufen – ist doch normal, oder? Gleiches gilt für ihre gegenseitigen körperlichen Liebesbekundungen. 
Doch im Gegensatz dazu brach das Publikum (und fast die Schauspieler selbst) in Gelächter aus. Man lachte, weil es ein ungewohnter Anblick war, weil man Personen und ihr Verhalten anders (atypischerweise?) zu Gesicht bekam.
Wenn man weiterdenkt, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das Stück die noch vorhandene traditionelle Rollenverteilung und Werte des Publikums aufzeigt – denn warum hätte man sonst so reagiert?

Einige Stimmen des Publikums bezeichneten das Stück als „leidenschaftlich und ausgefallen“, „amüsant und inspirierend“ sowie „modern und unkonventionell“.

Ein klassischer Plot mit einem entscheidenden Twist – ein sehr gelungenes und definitiv zum Nachdenken anregendes Stück!

1 Kommentar

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Neueste Beiträge

Empfohlen